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19 Oktober 2017

Sofern die Geschichte vom Anschlag der 95 Thesen an der Schlosskirche zu Wittenberg wahr ist, ist es am 31. Oktober vergangenen Jahres ein halbes Jahrtausend her gewesen, seit der junge Augustinermönch Martin Luther damit den Startschlag für die Reformation sozusagen loshämmerte. 500 Jahre sind ein Grund zu feiern, vor allem im traditionell lutherisch geprägten Nordeuropa. Doch auch in der Steiermark nimmt man dies zum Anlass um auf die eigene evangelische, calvinistische wie lutherische, Vergangenheit zurückzublicken. Auf den ersten Blick mag man vermuten, dass es hier nicht sonderlich viel zu erzählen gibt. So ganz scheinen die evangelischen Kirchen hier nie Fuß gefasst zu haben, nur etwas mehr als 3,5 % der österreichischen Bevölkerung gehören ihnen an.

Doch ist dem nur vordergründig so und ein paar Lüftungen des historischen Nebelschleiers später wird man feststellen, dass die Steiermark am Ende des 16 Jahrhunderts größtenteils protestantisch geworden war, ehe 1576 die Gegenreformation einsetzte. So hat auch die Reformation in Österreich mehr Spuren hinterlassen als gedacht. Anlass genug für das Museum für Geschichte in Graz seit dem 15. Juni 2017 die Ausstellung „Ein Hammerschlag…500 Jahre evangelischer Glaube in der Steiermark“ zu präsentieren, wiederum Anlass genug für Frau Prof. Schöngruber (und vermutlich zig weitere evangelische Religionsprofessoren in der Steiermark) mit ihren Schülerinnen und Schülern der Oberstufe (5b, 5c, 6a, 6c, 7a, 7b, 7c, 8a) sowie einigen Schülern der Übergangsklasse einen Ausflug eben dorthin zu machen.

Grundsätzlich ist die Ausstellung in elf Unterbereiche gegliedert, die alle Aspekte evangelischer Geschichte in der Steiermark abdecken (Aufstieg, Fall, Stellung der Frau, Kunstgeschichte, Schattenseiten). Davor ging es noch schnell in den Raum der Erlösung (hier konnten wir die schweren Schultaschen ablagern), wo wir von unserem Museumsguide begrüßt wurden.

Im ersten Raum der Ausstellung war nicht nur eine Kopie der 95 Thesen – diese konnte man sich hier auf einem Zettel für Zuhause mitnehmen – sondern ein vielleicht noch historisch einflussreicheres Objekt ausgestellt: eine Druckmaschine mit beweglichen Lettern.

Zusammen mit der Einführung des Papiers ab dem 14. Jahrhundert war es der Buchdruck mit beweglichen Lettern der Luther einen entscheidenden Vorteil gegenüber seinen theologischen Vorgängern (Wyclif, Hus etc.) deren Reformgruppen oft zu Sektendasein und letztendlich dem Scheitern verdammt waren. Erst zu Luthers Zeiten waren Massenpublikationen von Büchern möglich. Bücher waren so billig geworden, dass sich jeder der lesen konnte, Bücher leistete. Das waren – gemessen an der Gesamtbevölkerung – zugegebenermaßen immer noch nicht viele Menschen, aber genug, dass sich das Wort Luthers schnell verbreitete und bald die Steiermark erreichte. Unserem Museumsguide zufolge kann man die Erfindung des Buchdruckes sogar als die größte medientechnische Revolution bis zum Aufkommen des Internets bezeichnen.

Der nächste Raum zeigte etwas eigentlich eher Unevangelisches; Reliquienschreine. Luther war die große Rolle der Heiligen als Vermittler zwischen Lebenden und Jesu ein Dorn im Auge und diese spielten folglich im evangelischen Reliquienwesen keine Rolle. Mit Jesus in Berührung gekommene Gegenstände waren aber dennoch auch bei den Lutheranern sehr beliebt.

In den nächsten Räumen konnte man vor allem evangelische Gegenstände aus der damaligen Zeit sehen, natürlich Bibeln, Portraits wichtiger evangelischer Persönlichkeiten und ein Modell des Grazer Landhauses. Hier erfuhren wir, dass um 1550 der Großteil der Landesstände evangelischer Konfession gewesen war. Diese hatten auch das berühmte Landhaus im Stil der Renaissance in Auftrag geben lassen, nicht zuletzt um den hiesigen Katholiken ein Zeichen der eigenen Macht vor die Nase zu setzen.

Einen Raum später befasste man sich mit der katholischen Reaktion. Der Heilige Römische Kaiser war der mit Abstand eifrigste Gegenreformator unter den deutschen Fürsten, nicht zuletzt, weil die großen evangelischen Populationen seiner Erblande relativ nah an Italien lagen und schon allein durch ihre Konfession seine Autorität als katholischer Herrscher untergruben, wie uns unser Guide erläuterte. Evangelische Bürger standen vor der Wahl entweder ihre Konfession zu ändern (sich als rekatholisieren zu lassen), oder aber den Großteil ihres Besitzes, vor allem aber ihre Kinder (!) zurückzulassen und auszuwandern. Der überwiegende Teil der Bevölkerung entschloss sich, wenig verwunderlich, zu bleiben und wieder katholisch zu werden. Zweifelsohne hielt ein Gutteil der Bevölkerung, je ländlicher desto mehr, im Geheimen am Protestantismus fest. Wurde dies jedoch öffentlich bekannt, mussten die Protestanten mit der Zwangsumsiedelung nach Siebenbürgen und Ungarn rechnen.

An dieser Stelle kamen wir auf das Thema Hexenverfolgungen zu sprechen, wobei unser Museumsguide mit einigen Vorurteilen aufräumte. So wusste ich nicht, dass viele kirchlichen Behörden den Hexenprozessen ablehnend gegenüberstanden, besaßen doch ihrer Auffassung nach die weltlichen Instanzen und das gemeine Volk nicht die Fähigkeiten eine wahre Hexe, seltener einen Hexer, zu erkennen.

Der vorletzte Raum der Ausstellung war mit zeitgenössischen Karikaturen des 16. Jahrhunderts gefüllt. Sowohl Katholiken als auch Protestanten begannen mit Flugblättern eine der ersten propagandistischen Schlammschlachten auszutragen, auch das ermöglicht durch den Buchdruck. Dabei war man weder fair noch zimperlich. So wurde Luther porträtiert, wie er vom Teufel seine Schriften entgegennahm, oder der Papst mit seinen Unterstützern als behaarte Ungeheuer dargestellt.

Der letzte Teil der Ausstellung behandelte die Rolle der evangelischen Kirchen während des Nationalsozialismus. Schon Luther diente Antisemiten durch seine hetzerischen Schriften wie „Von den Juden und ihren Lügen“ als argumentative Grundlage für ihre Ideologie. Auch sonst gelang es der evangelischen Kirche sich mit den Nationalsozialisten besser als die katholische Kirche zu arrangieren, wobei es auch hier unterschiedliche Flügel innerhalb der Kirche gab.

Nach zwei im Endeffekt viel schneller als erwartet vergangenen Stunden war damit unsere Exkursion beendet, wir begaben uns in Richtung Hauptbahnhof. Sicher ein sehr lehrreicher und für so manchen Schüler auch spannender Ausflug.

Lorenz Stöckler, 8a

 

2017 Ausstellung Hammerschlag11

2017 Ausstellung Hammerschlag12

2017 Ausstellung Hammerschlag13

 

   
© BG-Rein, Pei